Up and Down – Running Around

 

 

 

Der Startschuss ist gefallen und es geht auf die 166 Kilometerstrecke von Chamonix nach Chamonix. Klingt doch im Prinzip ganz einfach, wären dazwischen nicht die ganzen Pässe und Höhenmeter.

Es ist 18:30 Uhr und der Tross aus 2300 Trailrunnern aus 50 Ländern setzt sich in Bewegung. Die Stimmung ist blendend und leichtfüssig läuft man über die von Zuschauern gesäumten Straßen. Dann plötzlich erkenne ich auf einem großen Banner meinen Namen. Dort steht geschrieben “ Bernie – Feel it, Fight it, Finish it.

Mein Schwager Heiko und seine Frau Silvia haben mich damit überrascht. Sie sind ohne mein Wissen hier angereist um mich anzufeuern. Einen kurzen Moment halte ich inne und schaue mir das Plakat an. Die Freude ist groß, doch Heiko fordert mich gleich auf weiter zu laufen.

 

Der Ortsausgang ist erreicht und ich habe mich mit meinem Freund Ralf Kölsch zusammen getan. Wir laufen unsere Geschwindigkeit und kommen gut voran. Die Stöcke sind auf dem Rucksack verstaut und die ersten acht Kilometer vergehen wie im Flug.

Dann kommt die erste happige Steigung nach La Charme. Knapp 800 Höhenmeter auf 7 Kilometern sind zu überwinden.

Alle um uns herum haben mittlerweile ihre Stöcke ausgepackt und schieben sich den Berg hinauf. Wir schieben uns erstmal ohne hinauf, um Kräfte zu sparen.

Hier verliere ich Ralf aus den Augen. Es ist mittlerweile stockdunkel und ich ziehe im Schein meiner Stirnlampe weiter. Dann treffe ich auf Friedbert Isenmann. Die Freude ist groß und wir beschließen erstmal zusammen weiter zu laufen. Es geht bergab zur Großverpflegung Saint-Gervais. Der Weg bergab ist megasteil, dennoch bereitet er mir keine Schwierigkeiten. Ich kenne die Strecke noch vom letzten Jahr und habe das Gefühl sogar besser voran zu kommen als voriges Jahr.

 

Ich verspüre die erste Müdigkeit obwohl ich erst 3:20 Stunden unterwegs bin.

In Saint-Gervais ist die Hölle los. Die Zuschauer sind genial und feuern uns frenetisch an. Selten habe ich so eine Begeisterung erlebt. Meine Müdigkeit ist wie weggeblasen und ich lasse mich von der Stimmung anstecken. Ich fülle meine Trinkblase und verliere Friedbert aus den Augen. Weiter geht es, ich halte mich nicht lange auf und ziehe wieder von diesem magischen Ort in die Nacht.

 

Bis zur nächsten Verpflegungs- und Cut Off Station sind es 10 Kilometer und etwas über 500 Höhenmeter. Letztes Jahr hatte ich einen genau festgelegten Zeitplan. Dieses Jahr hingegen laufe ich ohne, nur mit einem Zeitplan der Cut-off-Zeiten bewaffnet. Umso gespannter bin ich auf meine erste Nagelprobe, sprich mein Zeitpolster. Mein Körper signalisiert mir, es ist alles im grünen Bereich und ich kann noch eine Schippe drauflegen, wenn es dann sein muss.

 

In Les Contamines angekommen wartet wieder das Plakat “Bernie Feel it, Fight it, Finish it“ auf mich. Ich bin überglücklich, es ist jetzt 23:40 Uhr und ich habe eine Stunde auf die Cut-off-Zeit. Schnell  eine Nudelsuppe, etwas Cola und eine paar Rosinen, Trinkblase auffüllen und weiter geht es.

 

Meine Frau Sabine und Heiko erzählen mir dass Kurt Süsser nur 10 Minuten vor mir die Station verlassen hat. Wäre schön ihn zu treffen, aber ich fosiere mein Tempo nicht, denn jetzt kommt ein Monsterberg. Letztes Jahr bin ich hier gescheitert. (Mein einziger DNF) Wir sind jetzt auf 1150 Meter und müssen auf 2479 Meter. Der Croix du Bonhomme ist meine Hürde. Ich bin motiviert bis in die Haarspitzen und doch nervös. Ein falscher Schritt und alles kann vorbei sein. Ich ziehe langsam aber stetig weiter, Pausen gibt es keine. Jetzt zählt es, die erste wirkliche Hürde ist zu nehmen. Und es läuft gut, ich erreiche das Lagerfeuer von La Balme. Es ist 1:40 Uhr und die Cut off Zeit beträgt 2:45 Uhr. Knapp, aber ich bin guter Dinge, nach 7:12 Stunden sind meine Akkus immer noch gut gefüllt. Alles im grünen Bereich.

 

Jetzt kommt der finale Aufstieg zum Gipfel. Ich schließe mich einer Gruppe Franzosen an. Sie ziehen gleichmäßig wie Roboter den Berg hoch.

Mehrmals entsteht eine Lücke zwischen uns. Doch ich gebe jetzt alles und kann die Lücke immer wieder schließen. Es ist angenehm hinter der Gruppe, jeden Fehltritt meines Vordermannes registriere ich genau und suche an einer andern Stelle halt.

Es ist kalt geworden, der Wind bläst ordentlich und wir sind in eine Nebelwand geraten. Ich klebe an meinem Vordermann, mit solchen Bedingungen habe ich große Probleme. Das Licht der Stirnlampe wird gestreut und der Untergrund ist nur ungenügend beleuchtet.

 

Die Gruppe hat den Gipfel erreicht und ich registriere eine Viertelstunde Zeitgutschrift. Bergab zerreist nach kurzer Zeit die Gruppe. Ich folge immer noch meinem Vordermann vom Aufstieg. Jetzt geht es so eine art Bachlauf hinunter. Der Weg ist schwierig und mein Vordermann lässt mich vorbei. Mit einem mulmigen Gefühl laufe ich vorsichtig den Berg hinunter. Letztes Jahr bin ich hier in ein Loch getreten und habe mir das Knie verdreht.

Doch jetzt läuft es besser, ich bin voll konzentriert und vergesse die Welt um mich herum. Ich schaffe es dieses Mal unbeschadet.

 

Mein Zeitkonto verrät mir ein sattes Plus. Um 4:30 Uhr erreiche ich die Cut-Off-Station Les Chapieux. Das Zeitlimit liegt bei 6.15 Uhr. Ich verschwende keine Zeit, fülle meine Trinkblase mit Wasser und Buffer und gehe ins Zelt um eine Kleinigkeit zu essen. Hier ist aber soviel Gedränge das ich unverrichteter Dinge weiter ziehe. Ich habe keine Lust meine schwer erkämpfte Zeit hier mit warten zu vergeuden.

 

Wir sind jetzt auf 1500 Metern und müssen auf  zehn Kilometern einen Aufstieg bis auf 2500 Meter machen. Anfangs geht es sehr modert auf guten Wegen. Es macht Spaß, zumal man die aufgehende Sonne sieht. Die erste Nacht ist geschafft, klasse, ich sehe endlich etwas von der genialen Landschaft.

So motiviert geht es stetig weiter Richtung Gipfel des Col de la Seigne. Ohne größere Mühe erreiche ich den Gipfel, es ist jetzt 7:00 Uhr und ich kann von hieraus den Lac Combal erkennen, letztes Jahr war dort Ende.

 

Dieses Jahr geht es besser ich laufe langsam bis zur Verpflegungsstelle und schaue gespannt auf die Uhr. Letztes Jahr war es 9.40 Uhr und dieses Jahr zeigt die Uhr 7:50 Uhr. Das fühlt sich gut an, sehr gut sogar. Ich beeile mich, fülle meine Reserven auf und weiter geht es. Ich fühle mich frei wie ein Vogel und spüre eine Leichtigkeit die mich fast schweben lässt.

Dieses Gefühl versuche ich zu konservieren und möglichst lange zu genießen. Mein Lächeln ist ansteckend, um mich herum sind alle gut gelaunt. Ich führe das auf meine positive Aura zurück….-J

 

…auf jeden Fall ist das der Beweiß das man auch unter härtesten Bedingungen noch genießen kann. Ich erkenne den nächsten Berg, den Arète Mont Favre der 2435 Meter hoch ist.

Gehend nähere ich mich, es heißt die Kräfte gut einzuteilen, es gelingt, der Aufstieg ist schwer aber genial schön. Ein kalter Wind gepaart mit einer tollen Sicht machen es zu einem einzigartigen Schauspiel. Oben angekommen lasse ich mich von einem Franzosen fotografieren.

Dann geht es abwärts Richtung Courmayeur. Es wird warm und ich spüre meine Beine. Nach 14 Stunden ist das vielleicht normal. Es nützt ja nichts ich muss weiter, obwohl sich die Oberschenkel grässlich anfühlen. Ich sage mir immer wieder, hör auf zu jammern und denke nur an das Positive, an Courmayeur. Die Großversorgung in Italien an der ich warmes Essen bekomme und einen Kleidersack hinterlegt habe.

 

So sehr mit mir selbst beschäftigt glaube ich fest die nächste Verpflegungsstelle muss es sein. Pustekuchen, ich komme beim Col Chècrouit an und bin völlig überrascht, denn meine GPS-Uhr zeigt 79 Kilometer an. Hier befinde ich mich aber bei Kilometer 73.

 

Kurz wirft mich das aus der Bahn. Hier gibt es eine Ballettaufführung, der ich nicht die geringste Aufmerksamkeit schenke. Ich stopfe mir wütend einen Riegel rein, trinke etwas und begebe mich auf die 800 Höhenmeter Abstieg.

 

Nach fünf Minuten merke ich dass ich meinen Becher vergessen habe. Der gehört zu Pflichtausrüstung und muss immer bei sich getragen werden.

Ich gehe zurück, es fehlt mir noch, dass ich in eine Kontrolle gerate und deshalb disqualifiziert werde.   

 

Komischerweise macht es mir nichts aus, im Gegenteil es baut mich auf. Meine Oberschenkel erholen sich bergauf und meine Stimmung ist wieder bestens. Nach ewigen fünfzehn Minuten bin ich wieder oben.

Mein Becher steht einsam auf einem Tisch. Ich schnappe ihn und versuche jetzt schnell voran zu kommen. Es gelingt, ich komme gut voran. Dann noch ein kleiner Sturz und weiter geht es.

 

Um 11.00 Uhr bin ich vor der Halle. Dort werde ich von Klaus Duwe begrüßt. Ich suche mir einen Sitzplatz, stelle mich in die Schlange für die Nudelgerichte und schnappe mir eine Flasche Wasser.

Ich futtere, ziehe mich um und treffe meinen Freund Dietrich Klaassen.

Wir reden kurz und ich suche den Ausgang. Eine halbe Stunde war ich jetzt in der Halle, mir kommt es vor wie fünf Minuten.

 

Dann gehe ich durch Courmayeur, die Beine sind noch steif vom sitzen. Ortsausgang höre ich meinen Namen, ich werde von meiner Frau, Heiko, Silvia und Dani begrüßt. Ich bin gut drauf und mit einem Zeitpolster von zwei Stunden sehr zufrieden.

Ich posiere vor dem genialen Plakat meines Schwagers und freue mich über die aufmunternden Worte.

 

Dann geht es einen steilen Berg zum Refuge Bertone hinauf. Das sind 800 Höhenmeter auf etwas über vier Kilometern. Es ist heiß, sehr heiß geworden. Die Strecke ist megasteil und fordert mir alles ab. Meine Oberschenkel machen zu, dass hatte ich bergauf noch nie. Ich muss ständig pausieren und Läufer ziehen lassen. Es wurmt mich, aber ich bin festen Willens oben meine verlorenen Plätze wieder gut zu machen.

 

Oben angekommen erholen sich meine Oberschenkel sehr schnell und ich kann wieder Läufer einsammeln. Ein klasse Gefühl wenn man von gejagten zum Jäger wird. Ich laufe ständig an Andere heran und dann mit Schwung vorbei.  Es geht hier natürlich nicht um Plätze sondern nur ums nackte durchkommen. Aber dennoch ist es schön wenn man spürt “es geht was“ und man seine Stärken ausspielen kann.

 

Dieses Stück ist mit Sicherheit das schönste des ganzen Rennens. Man läuft einen Bergkamm entlang und hat einen irren Blick auf die Viertausender. Ich fliege über den Trail und übertreibe im Freudentaumel.

 

Wenig später rächt es sich dann auch. Es folgt ein kleiner aber bissiger Aufstieg zum Refuge Bonatti. Es sind vielleicht 200 Höhenmeter die mich wieder auf dem Boden der Tatsachen holen. Ich schleppe mich hinauf und ärgere mich über mein zu forsches Tempo davor.

 

An der Verpflegungsstelle Refuge Bonatti raste ich erstmal und freue mich über einige SMS. Mein Freund Alex muntert mich ständig auf. Er verfolgt das Rennen im Internet mit Steffi und Jutta. Dort sind immer aktuell die Zwischenzeiten zu sehen.

 

Kilometer 90 ist erreicht, ich laufe nach nur etwa einer Stunde in Arnuva ein. Hier hat Heiko wieder das Plakat Feel it, Fight it, Finish it postiert. Einfach klasse…

Außerdem überraschen mich Lore und Olivier die extra wegen mir vom Genfer See angereist sind.

Ich bin gut drauf und sehr erfreut das ich so viele Freunde habe die selbst eine so lange Anreise nicht scheuen.

 

Dann geht es weiter, jetzt folgt der höchste Punkt der Strecke. Es geht auf den Grand col Ferret der 2537 Meter hoch ist.

Es ist mittlerweile 16:00 Uhr und ich habe jetzt 94 Kilometer und 5500 positive Höhenmeter absolviert. Es geht nun auf 5 Kilometern knapp 800 Höhenmeter rauf.

 

Der Aufstieg ist holprig und vor allem eisig kalt. Hier bläst ein heftiger Wind. Die Akteure haben mittlerweile alle ihre Jacken an. Ich komme nur langsam voran und muss nun in der Hälfte des Berges pausieren und mich den Bedingungen anpassen.

Ich ziehe meine Jacke an, einen Buff über Kopf und die eiskalten Ohren und ziehe meine Handschuhe an. Besonders schlimm ist die Kälte an den Fingern.

Bei der Gelegenheit überholt mich Didi Klaassen den ich in Courmayeur getroffen habe.

An die Wetterbedingungen angepasst geht es weiter. Ich erreiche schwerfällig den Gipfel und beginne direkt den Abstieg, nur raus aus dieser Affen-Kälte.

 

Nach kurzer Zeit wird es besser, ich registriere gar nicht dass der Gipfel genau bei 100 Kilometern ist und dass ich jetzt von Italien in die Schweiz gewechselt bin.

Ich komme wieder gut voran und überhole Didi beim bergablaufen. Dann laufe ich mit einem Griechen der eine deutsche Flagge auf seinem Rucksack hat. Er lebt in Frankreich, spricht kein deutsch und läuft mit dem Rucksack eines Freundes.

Nach kurzer Zeit laufe ich wieder alleine und erreiche La Fouly bei Kilometer 108.

 

Hier gibt es eine Verpflegung mit allem was das Herz begehrt. Sogar Massagen werden angeboten. Ich kralle mir eine Suppe und viel Cola. Ich trinke bestimmt einen ganzen Liter davon. Dann treffe ich Didi wieder, ihm ist schlecht, kein Wunder denn es ist sehr heiß hier drin. Vor wenigen Minuten ist erst ein Läufer zusammen gebrochen.

Wir gehen ins freie und Didi sieht gleich wieder besser aus. Wir beschließen zusammen weiter zu laufen. Ich gehe langsam vor, denn ich bin geschwitzt und es ist empfindlich kühl, Didi will noch ein paar Minuten pausieren.

 

Langsam trotte ich dahin und schließe mich einer Gruppe Franzosen an. Es ist 21:00 Uhr und die zweite Nacht bricht herein. Ich wechsele die Batterien meiner Stirnlampe und trotte den Franzosen hinterher. Die Gruppe bricht schnell auseinander und ich habe nur noch einen vor mir. Dem gefällt es offensichtlich nicht dass ich so dicht hinter ihm herlaufe.

Er zieht das Tempo an und ich auch. Dann verlangsamt er und will dass ich vorbeilaufe. Ich gebe ihm zu verstehen dass ich nicht vorbei will.

Jetzt gibt er alles und ich ebenso, ein sinnloses Scharmützel, aber ich muss gestehen mir macht es Spaß.

Dann wird er böse, ich verstehe ihn zwar nicht, aber die Lautstärke und der Tonfall verraten mir, er meint es ernst und will seine Ruhe.

 

Er bleibt entnervt stehen und ich schaue dass ich Land gewinne. Sicher denk er “immer diese Deutschen“ nirgends hat man seine Ruhe vor denen. Dann geht es mir genauso wie meinem Französischen Freund vorhin.

Eine Amerikanerin aus Kalifornien heftet sich jetzt an meinen Fersen. Da wir uns aber unterhalten können, ist mir das nicht lästig. Die Zeit vergeht wie im Flug und irgendwann verliere ich sie aus den Augen.

 

Ich erreiche nun Praz de Fort bei Kilometer 116. Jetzt geht es zur Großversorgung

Champex-Lac bei Kilometer 123.

 

Die Strecke ist durchwachsen, ich werde langsamer obwohl die letzten 15 Kilometer leicht waren. Aber es geht allen so um mich herum. Es wird nichts mehr gesprochen, man muss sich ständig auf den Untergrund konzentrieren und nach 28 Stunden fällt dass, zumal im Dunkeln, extrem schwer. Es bleiben hinterher kaum noch Erinnerungen an dieses Stück.

 

Irgendwie habe ich es nach Champex-Lac geschafft. Und bin nach zwanzig Minuten Essen fassen und Vorräten auffüllen mit drei Stunden Vorsprung auf das Zeitlimit weiter. Hier hätte ich besser eine Stunde geschlafen, denn ich bin verdammt Müde.

 

Aber ich ziehe weiter in der Hoffnung noch mehr Zeit gut zu machen. Nach 31 Stunden ohne Schlaf habe ich jetzt Probleme, ich sehe nicht mehr richtig. Alles ist verschwommen und ich sehe Steine doppelt. Das Resultat ist einfach, ich trete ständig gegen Steine und ramme mein Knie gegen einen Felsbrocken.

Bis nach Trient brauche ich noch locker zwei Stunden. Es hilft nichts ich muss jetzt und hier quartieren. Ich gehe zur Seite, ziehe meine Handschuhe aus, lege sie auf einen Felsen und setzte mich darauf.

Ich schaue auf die Uhr, mache die Stirnlampe aus und lege die Hände über die Augen. Ich schlafe sofort ein und wache nach genau zehn Minuten durchgefroren wieder auf.

 

Das aufstehen ist die Hölle, ich bin steif und zittere am ganzen Körper vor Kälte. Aber ich muss weiter, immer weiter und weiter, einfach immer weiter; dass ist der Sinn dieses Extremlaufes. Langsam komme ich wieder in den Tritt und was folgt ist Bovine. Jeder der schon mal hier war weiß was das bedeutet. Große Felsbrocken über mehrer Kilometer den Berg hinauf verteilt.

 

Diese Kletterpassagen fallen mir erstaunlich leicht. Ich bin überrascht und zufrieden dass ich hier so gut hochkomme. Die schlimmsten Befürchtungen hatte ich noch vor einer halben Stunde.

 

Ich erreiche den Gipfel und kann die vielen Lampen weit den Berg hinunter verfolgen. Ein schöner Anblick der mich motiviert, zumal ich trotzt Zwangspause keine Zeit verloren habe.

 

Bergab läuft es schlecht, mein rechter Fuß ist angeschwollen und der megasteile Abstieg wird zu Tortur. Jetzt heißt es die Zähne zusammen beißen und durchhalten. Zum erstenmal sendet mein Kopf an meinen Körper Durchhalteparolen. Der letzte Kilometer bis Trient will einfach nicht enden. Nach knapp zwei Stunden ist der Abstieg dann geschafft.

 

Es ist jetzt kurz nach fünf Uhr morgens und vor dem Verpflegungszelt erwartet mich eine Überraschung. Sabine ist mitten in der Nacht aufgestanden und empfängt mich hier. Ich bin begeistert und freue mich riesig über soviel Einsatz.

 

Nach einer halben Stunde verlasse ich Trient wieder. Die Cutt off Zeit ist 8:00 Uhr und der Blick auf meine Uhr verrät mir 5:30 Uhr.

 

Jetzt geht es wieder mächtig steil den Berg hinauf. Die letzten Berge haben es in sich, sie sind zwar nicht die höchsten, dafür aber die schwierigsten und steilsten. Sicher ist das auch ein Grund warum dieser Lauf so boomt. Es gibt keine wirklich leichten Streckenabschnitte und das Finish dieses Laufes ist eine Auszeichnung die einem alles abverlangt.

Das macht den Ruf des UTMB aus und ich hoffe dass diese Veranstaltung irgendwann auch in der deutschen Medienwelt bekannter wird.

 

Ich habe jetzt 140 Kilometer hinter mir und quäle mich langsam aber stetig den Berg hinauf. Es geht jetzt alles langsam von statten. Zum Glück ist es hell geworden und ich kann mich wieder besser konzentrieren. Nach fünf Kilometern habe ist auch diesen Berg bezwungen. Jetzt geht es wieder 800 Höhenmeter herunter nach Vallorcine.

 

Das erste Stück läuft sich ganz gut doch dann wird es wieder mal richtig steil. Mein Fuß schwillt weiter an. Ich komme nicht besonders schnell voran.

Nach einer Stunde sehe ich Vallorcine, nur noch wenige Meter. Es geht jetzt einen Wiesenpfand hinunter und ich werde von Florian Bechtel überholt.

Wir reden kurz und dann läuft er mit Schwung an mir vorbei. Er liefert sich ein Duell mit einem Franzosen. Lustig zu sehen wie er vorbeihechtet und der Franzose versucht gegenzuhalten.

 

In Vallorcine angekommen erwarten mich wieder Sabine mit Heiko und Silvia und dem genialen Plakat.

 

Jetzt ist es nur noch ein Berg!!!!!!

Sabine besorgt mir einen Kaffee mit Milch. Es ist als hätte ich schon Jahre keinen Kaffee mehr getrunken. Der Geschmack ist fantastisch und ich genieße es als sei es ein Cocktail an einem Traumstrand unter Palmen.

Es ist jetzt kurz nach 9:00 Uhr. Ich telefoniere kurz mit Alex und Ingo und weiter geht es. Jetzt geht es erstmal darum wieder in den Tritt zu kommen.

 

Ich treffe Jack Liver mit dem ich auf Reunion war. Wir gehen ein Stück zusammen und ich lasse ihn ziehen. Nach drei Kilometern kommen wir an einer Straße vorbei wo ich zum letzten Mal vor dem Ziel mit dem Plakat begrüßt werde.

 

Es geht jetzt den Tèt aux Vents hinauf. Der gesamte Aufstieg von Vallorcine aus hat 900 Höhenmeter auf 7 Kilometer.

Bei diesem Aufstieg hat man einen super Blick. Ich versuche diesen zu genießen und die Schmerzen, die jetzt langsam aber sicher über meinen Körper kommen, zu vergessen.

Das gelingt auch, dennoch ist der Berg gemein und besonders fies.

Immer wenn ich denke ich bin oben, kommt noch eine Kurve und noch eine und noch eine. Das kann einen schier zur Verzweiflung bringen. Die Steigung scheint nicht enden zu wollen. Ich setze mich für eine Minute auf einen Stein.

 

Dann kommt Dietrich Klaassen vorbei und verrät mir dass wir gleich oben sind. Sein Wort in Gottes Ohr. Ich gehe weiter und dann der Gipfel!? Ich erreiche ihn, doch mein Blick sieht einen kleinen Abstieg und dann einen weitern Aufstieg. Didi verschwindet am Horizont und ich trotte weiter.

 

Dann ist es endlich soweit ich bin oben. Eine Gruppe Wanderer hält mich an und will alles über diesen Lauf wissen. Sie können es nicht fassen was wir hier machen. Sie begleiten mich einige Meter und machen Fotos von mir. Ihr Tagesziel ist dieser Berg mit Auf- und Abstieg.

Dann schütteln sie mir die Hand und klatschen so lange in die Hände bis ich außer Sicht bin.

 

Ich hadere mit den schlechten Wegbedingungen hier. Mein Fuß ist jetzt ein echtes Problem. Dann erreiche ich die letzte Verpflegungsstelle.

Dort sitzen Jack Liver und Didi Klaassen mit denen ich auf Reunion war. Ich setze mich dazu und wir plaudern von alten Zeiten und großen Heldentaten der Vergangenheit. Das macht Spaß und ist sehr unterhaltsam. Ich eröffne den Beiden dass ich jetzt die letzten 7 Kilometer bis Chamonix gehen werde. Ich muss meinen Fuß schonen denn in drei Tagen fliege ich in Urlaub. Da muss alles wieder fit sein.

 

Didi schließt sich mir an und wir gehen los. Gleich geht es eine Rampe hoch. Laut Höhenprofil sollte es aber nur noch bergab gehen. Ich fluche wie ein Rohrspatz und als wir oben ankommen sind macht ein Fotograf Bilder von uns. Aktion sieht anders aus……vor 20 Stunden hatte ich mehr Dynamik. Aber wir sind bis hierher gekommen und darum beneiden uns sicher alle die, die aussteigen mussten.

 

Es geht langsam voran, wir sehen Chamonix im Tal, kommen aber nicht wirklich näher. Der Gedanke des finishens ist jetzt allgegenwärtig und irgendwie macht es mir jetzt wieder Spaß. Keine Stunde mehr und ich werde mit Didi zusammen finishen. Dann will jemand vorbei. Ich drehe mich um und sehe meinen Freund Ralf Kölsch.

 

Ralf will, dass ich mich ihm anschließe und mitlaufe. Aber ich will nicht. Mit Didi ziehe ich gleichmäßig weiter und wir erreichen Chamonix im schnellen Gehschritt. Ich spüre plötzlich nichts mehr, mein Fuß fühlt sich an als sei ich gerade gestartet. Wir laufen wieder und wir werden frenetisch bejubelt.

Ich balle die Faust und bin hin und weg. Ich kann es nicht fassen, dann nach fünf Minuten laufen wir Richtung Stadtzentrum und ich sehe von weitem “mein“ Plakat “Bernie Feel it, Fight it, Finish it“.

Heiko und Silvia jubeln mir zu und ich weiß die nächsten 1000 Meter werde die besten meines Lebens. Wir laufen ins Zentrum und viele jubelnde Zuschauer schauen mir ins Gesicht. Die Spaliere werden immer enger. Ich erkenne Jens Lukas, dem ich beim vorbeilaufen die Hand gebe. Dann sehe ich Heinrich Schütte mit dem ich in Reunion ins Ziel gelaufen bin. Es ist der Wahnsinn, ich habe einen Kloß im Hals und höre plötzlich Kurt Süsser meinen Namen schreien. Dann kommt auch schon die Zielgerade. 

Wir reißen die Arme hoch und laufen im Freudentaumel über die Ziellinie. Ich bin wie im Rausch und kann einige Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich habe es geschafft und werde von allen möglichen Leuten beglückwünscht und gedrückt.

 

Dann sehe ich Norman und Ralf, wir umarmen uns und beglückwünschen uns gegenseitig. In den nächsten Minuten treffe ich meine Frau und die ganzen lieb gewonnen Lauffreunde.

 

Euch allen möchte ich hier für dieses unvergessliche Wochenende danken. Die Vorbereitung war hart und hat viel Disziplin und Zeit gekostet.  Aber durch die jubelnden Massen in Chamonix ins Ziel zu laufen lässt den steinigen Weg bis dort hin verblassen.

 

Allen denen die es nicht geschafft haben möchte ich hiermit Mut machen. Ich weiß wie man sich fühlt. Schaut nach vorne und wenn ihr eine Chance zum finishen seht versucht es einfach noch mal. Denn es gilt “Never ever give up“ und mein Leitspruch Feel it, Fight it. Finish it.

Endzeit 44 Stunden und 59 Minuten

 

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