Trailrun in der Provence

 

Der “Grand Raid Dentelles Ventoux“ ist ein 100 km Trailrun mit 5160 Höhenmetern. Der Lauf beginnt in dem Ort Gigondas der für seine hochwertigen Rot- und Roséweine bekannt ist.

Wie üblich bei solchen Läufen gibt es eine Liste an Pflicht-Ausrüstung, die bei der Ausgabe der Startnummer überprüft wird. Hier wird unter anderem ein Ärztliches Attest, eine geeignete Lampe, Verpflegung mit mindestens 3000 Kalorien, eine Wasserdichte Jacke und eine Pumpe zum Schlangen und Insektengift entfernen verlangt.

 

Freitag den 15. Mai ist es dann soweit. Ich hole die Startnummer ab und treffe dort auch direkt auf zwei weitere deutsche Läufer. Abends besuche ich mit meiner Frau die Pasta Party. Dort wird man herzlich von den Helfern empfangen und an einen der runden Tische gebracht. Wir sitzen zu zehnt und lassen uns die vielen frisch zubereiten Köstlichkeiten schmecken. Die Nudeln und die Sauce werden ebenso an den Tisch gebracht wie die Getränke. Es gibt eingelegte Tomaten, Weißbrot, Käse, Wein, Bier, Wasser und ein Dessert.

 

Samstag den 16. Mai 3:30 Uhr, ich checke zum letzten mal meine Ausrüstung und begebe mich an den Start. Dort treffe ich wieder die zwei Deutsche vom Vortag. Wie es aussieht sind wir die einzigen Deutschen die bei dieser 10. Auflage am Start sind.

 

4:30 Uhr der Startschuss zum Grand Raid ist gefallen. Zirka 240 Starter beginnen in dieser sternenklaren Nacht das Rennen. Es geht gleich steil bergauf, die ersten Höhenmeter beginnen direkt hinter dem Start.

 

Ich reihe mich in der Mitte ein und versuche mich nicht in der Euphorie zu einem zu hohem  Tempo mitreisen zu lassen.

Es funktioniert ganz gut, das Feld zieht sich sofort auseinander und man sieht wie sich der Lindwurm den Berg hinauf schlängelt. Nach wenigen Metern geht es von der Teerstraße ab auf einem breiten Feldweg. Es ist noch stockdunkel und meine Lampe weist mir den Weg. Die Markierungen reflektieren und sind somit sehr schnell und leicht zu entdecken.

 

Nach den ersten Höhenmetern geht es bergab und ich nehme wieder Fahrt auf. Die erste Versorgung ist bei Kilometer 18 mit einem Zeitlimit von vier Stunden. Das sollte doch leicht zu schaffen sein. Gerade als ich mir darüber Gedanken mache, führt der Weg an einem Abhang vorbei. Eine recht gefährliche Stelle, die ich mit der üblichen Vorsicht nehme. Es dämmert gerade und ich habe bei diesen Lichtverhältnissen so meine Defizite. Für die Lampe ist es schon zu hell und ohne ist es noch zu dunkel. Ich lasse hier einige vorbeiziehen da ich Angst vor einem Sturz habe.

 

Dann geht es aber recht schnell und ich erreiche den See “Lac du Paty“. Ein traumhaft schöner Anblick, vor allem weil ich mir die Zeit nehmen kann diese schöne Stelle ausgiebig zu betrachten.

Die ersten 18 Kilometer schaffe ich in 2:30 und habe mir damit ein gutes Polster erarbeitet.

 

Dann geht es weiter Richtung Curnier bei Kilometer 30. Dabei sind 629 Höhemeter zu überwinden. Das Stück führt durch dicht bewachsene Singeltrails und über die üblich schlechten Wege. Aber alles läuft gut und ich erreiche die Cut off und Verpflegungsstelle.

 

Ich fülle meine Trinkblase auf und will mich wieder auf den Weg machen. Ein Helfer spricht mich an, mit der Bitte meine Ausrüstung zu überprüfen. Obwohl ich ihn genau verstehe gebe ich mich ahnungslos und er überprüft erstmal dem Rucksack eines Franzosen. Als er sich dann umdreht nutze ich die Gelegenheit und stehle mich davon.

Die Pflichtausrüstung habe ich ja dabei, aber ich habe keine Lust das ganze Zeug aus und wieder einzupacken.

 

Bis zur nächsten Verpflegungsstelle sind es zirka 9,5 Kilometer mit 1536 Höhenmetern.

Jetzt steht der harte Anstieg auf den Mont Ventoux an. Vor diesem Anstieg habe ich großen Respekt. Viele Legenden ranken sich um diesen Berg. Wir haben jetzt 10 Uhr und es ist kein Wölkchen am Himmel. Ich ahne was da jetzt auf mich zukommt, denn ich kann schon den weißen Gipfel des Ventoux erkennen. Er ist weit entfernt und die Wetterstation ragt wie ein überdimensionaler Pfeiler in den Himmel.

Sein wie ewiger Schnee schimmernder Gipfel  übt seit Menschengedenken einen besonderen Reiz aus. Sein Name bedeutet “Der Windige“, im Sommer ist es möglich das erstickende Hitzewellen von Hagelstürmen und Schneefall abgelöst werden. Die Winde wehen aus allen Richtungen und Stürme bis zu 250 km/h sind keine Seltenheit. Den Mistral nennt man ein Kind dieses Berges, hier kühlt er ab, um dann durch das Rhonetal bis ans Mittelmeer zur stürmen.

 

Heute zeigt sich der Berg aber von einer anderen Seite. Die Sonne scheint gnadenlos vom strahlend blauen Himmel und lässt den Berg noch mächtiger erscheinen.

Ich ziehe meine Legionärskappe auf um mich vor der Sonneneinwirkung zu schützen. Meine Stöcke klackern und ziehen mich Meter um Meter weiter den Berg hinauf. Der Untergrund wechselt ständig und kommt mir entgegen.

 

Nach dem ich jetzt eine Stunde unterwegs bin kommen mir Zweifel auf, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin. Habe ich vielleicht eine Abzweigung verpasst? Niemand vor und niemand hinter mir, dass kann doch nicht sein. Eine Markierung habe ich auch schon lange nicht mehr gesehen. Ich bleibe stehen und warte einige Minuten ob nicht jemand von hinten auf läuft. Aber nein, nix und niemand ist zu sehen. Es hilft nichts, ich muss wieder absteigen bis ich eine Markierung finde. Nach ewigen fünf Minuten kommt mir dann ein Läufer entgegen.

Ich war doch auf den richtigen Weg, so ein Mist!

 

Drei Stunden brauche ich für den anstrengenden Gipfelsturm. Jetzt sind es nur noch einige Geröllfelder die ich überwinden muss. Der Gipfel des Mont Ventoux schimmert weiß als sei der “Riese der Provence“ mit Schnee bedeckt.

Der Gipfel ist aber in Wirklichkeit mit hellen Bruchsteinen und riesigen weißen Geröllriffen bedeckt.

Ich erreiche die Kappelle und sehe Sabine nur wenige Meter weiter auf der Aussichtsterrasse stehen. Jetzt geht es auf die Straße, die letzten Meter hoch bis zu Gipfel auf 1912 m.

 

Ich erreiche Sabine und genieße nun die Aussicht. Hier auf dem Gipfel ist viel los, bei diesem Wetter sind viele Rennräder zu sehen. Die Neigung auf der Straße beträgt oft über 12% und der Aufstieg ist für viele Radsportler eine Herausforderung. Die Überwindung des Mont Ventoux gehört bei der “Tour de France“ zu den großen Momenten. Unvergesslich bleibt das tragische Ende des Olympiasieger Tom Simpson, der am 13. Juli 1967 am Südhang, einen Kilometer vor dem Gipfel vor Erschöpfung zusammenbrach und starb. Ihm zu Ehren gibt es hier ein Denkmal zu dem viele pilgern.

Der Verpflegungspunkt Kilometer 38 ist erreicht. Nach acht Stunden habe ich den höchsten Punkt hinter mir und beginne mit dem Abstieg.

Es geht jetzt auf der steileren Seite wieder herunter. Zuerst laufen wir auf der Teerstraße bergab. Hier kommen uns jede Menge Ferraris entgegen. Sie fliegen wenige Meter an mir vorbei. Ich zähle 30 Stück und der Ferraristrom reißt nicht ab. Der Krach ist ohrenbetäubend und die Beschleunigung aus den Kurven atemberaubend.

Hier wurden schon viele Bergrennen ausgetragen. Auch der Formel 1 Zirkus kämpfte hier in den Siebzigern fünf Mal um den Bergsieg. Die Durchschnittsgeschwindigkeit des Siegers betrug unglaubliche 142 km/h.

Jetzt verlassen wir die Straße und laufen über endlose Geröllpisten am steilen Abhang entlang.  Hier muss man absolut schwindelfrei sein, sonst kommt man nicht weit. Ich bin wieder langsam, halte an um ein Foto zu machen. Dabei bekomme ich einen Eindruck wie steil das hier ist. Es ist besser langsam weiter zu gehen und sich auf den Weg zu konzentrieren. An Laufen ist nicht zu denken, der Untergrund aus Geröll und der Abhang sind eine Herausforderung  die mir viel abverlangt.

 

Der lange und schwierige  Abstieg ist beendet, es geht wieder leicht bergauf. Die Hitze ist nun unerträglich geworden. Als sei das nicht schon hart genug, jagt man uns jetzt über eine Strecke mit abgeschnittenem Geäst. Es sind übereinander liegende Tannen die etwa alle ein bis zwei Meter klein geschnitten wurden. Ich fluche vor mich hin und trotte über die Äste.

 

Danach geht es auf einem Feldweg weiter. Ich laufe wieder und überhole alle die, die mich bergab überholt habe. Die Hitze ist so schlimm dass hier außer mir keiner mehr läuft. Die meisten gehen und hoffen auf die nächste Verpflegungsstelle.

 

Dann ist sie erreicht, Trinkblase auffüllen, Mütze nass machen und weiter geht es. Jetzt geht es ständig steil bergauf und wieder steil berg hinunter. Die Hitze macht mir mehr und mehr zu schaffen. Ich tue mich jetzt mit einem deutsch sprechenden Franzosen zusammen und wir lenken uns gegenseitig ab.

 

Wir kommen an einen wunderschönen Flusslauf entlang. Dort kühlen wir uns ab und folgen der Strecke über eine kleine Brücke auf einer Teerstraße. In praller Sonne schleppen wir uns bis zu einem Gehöft. Dort hält uns der Besitzer an und redet mit meinem Französischen Partner während ich langsam weitergehe.

 

Wir sind falsch gelaufen, ich kann es nicht begreifen und würde am liebsten meinen Rucksack auf den Boden schmeißen und drauf springen. Aber es nützt ja nichts, wir gehen wieder zurück bis zur letzten Banderole.

Wir sind falsch abgebogen, der Weg geht geradewegs das Gebüsch hoch. Später erfahre ich dass wir nicht die einzigen waren denen das passiert ist.

 

Die Wege jetzt sind zwar immer wieder steil aber gut zu passieren. Dafür kämpfe ich mit der Hitze. Mein Wasser ist 30°C heiß und ich bekomme es nicht mehr herunter. Ich schließe mich nun einem Belgier an. Zu zweit leidet es sich besser. Irgendwann verlieren wir uns aus den Augen und der Franzose ist wieder da. Das hilft, die Strecke hier kennt keinen Schatten und führt immer wieder an Hängen mit Weinreben entlang. Dann kommt eine Versorgungsstelle die kurzerhand wegen der widrigen Bedingungen eingerichtet wurde. Hier gibt es Cola und Wasser. Bis zur nächsten regulären Versorgungsstelle sind es nur 2 Kilometer.

Dort will ich das Wasser meiner Trinkblase wechseln.

 

Als ich den Punkt erreiche gibt es nur noch wenig Wasser. Alles ist aufgebraucht worden. Ein Helfer bittet mich doch zu warten bis sie wieder welches bekommen würden.

Da ich aber nicht weiß wie lange das dauert gehe ich weiter.

 

Der Weg führt abermals auf und ab und ist weiter der Sonne zugewandt. Ich treffe wieder auf den Belgier der jetzt sehr langsam unterwegs ist.

Irgendwann wird der Durst unerträglich und ich nippe an dem Schlauch meines Trinkrucksackes. Das Wasser scheint zu kochen. Dummerweise habe ich beim letzten auffüllen Buffer hineingetan. Jetzt bekomme ich das Zeug nicht mehr herunter. Mir wird schlecht, der Kreislauf macht mir zu schaffen. Deshalb beschließe ich eine Pause einzulegen, mich hinzusetzen und langsam von dem warmen Wasser zu trinken.

Doch ich finde hier keine geeignete Stelle um mich nieder zu lassen. Der Weg ist links und rechts zugewachsen und bietet keine Möglichkeit zum pausieren.

Dann finde ich einen Stein auf den ich mich setzen kann, doch schon nach einer Minute bemerke ich, dass es hier nur so von Ameisen wimmelt.

Also gehe ich weiter bis ich Musik höre. Die Rettung, dass ist die Verpflegungsstelle bei Kilometer 73. Ich habe nur noch wenige 100 Meter als ich mich dann doch übergeben muss.

 

Ich schleppe mich bis  zur Verpflegungsstelle, dort setze ich mich auf einen Stuhl und werde von den Helfern bedient. Nach wenigen Minuten geht es mir wieder besser. Ich verweile hier zirka eine halbe Stunde und mache mich wieder auf den Weg.

 

Mein Zeitpolster ist geschmolzen aber meine Laune ist wieder deutlich besser. Jetzt geht es durch ein Waldstück und die Bäume spenden Schatten. Die Zeit läuft gnadenlos weiter, es kommt mir so vor als würde ich überhaupt nicht mehr vorankommen. 

 

An der Verpflegungsstelle bei Kilometer 80 wartet Sabine auf mich. Sie sitzt in einem Biergarten neben der Strecke. Ich gehe zu ihr und lasse mich für einige Minuten nieder. Ich esse Weißbrot und trinke Cola dazu.

 

Mein Zeitpolster ist jetzt auf anderthalb Stunden zusammen geschrumpft. Am Check Point muss ich eine Gepäckkontrolle über mich ergehen lassen. Sie wollen die Trillerpfeife, die Überlebensdecke und die Regenjacke sehen.

Alles kein Problem und im Prinzip ja auch richtig.

 

Danach so gegen 21:30 Uhr verabschiede ich mich von Sabine, werfe meine Stirnlampe an und gehe auf die letzten zwanzig Kilometer.

Nach etwa einer halben Stunde überholt mich der Belgier wieder. Danach höre ich wie sich zwei auf Englisch unterhalten.

 

Sie holen mich ein und ich komme mit den beiden in Gespräch. Es sind Andre Hall und Fernando Verones, zwei Amerikaner die in Stuttgart leben. Andre spricht hervorragend deutsch.

Wir schließen uns jetzt zusammen und unterhalten uns über Gott und die Welt. Da ich überhaupt keine Ahnung habe bei welchem Kilometer wir uns gerade befinden lasse ich die beiden schätzen. Fernando glaubt es sei so etwa Kilometer 92.

 

Jetzt kommt ein steiler Anstieg, es muss wohl der Anstieg zum Dentelles sein, dem letzten Berg vor dem Ziel. Nach einer halben Stunde setze ich mich kurz und beruhige meinen Puls. Ich lasse die Amerikaner ziehen.

 

Fünf Minuten später bin ich wieder voll da. Noch vor dem Gipfel haben ich die Amerikaner wieder eingeholt.

Jetzt laufe ich wieder mit Andre und Fernando zusammen, wir erkennen eine Station. Andre fragt mich, ob das das Ziel sein. Ich verneine, es ist die letzte Verpflegungsstelle bei Kilometer 91

Ich höre von Fernando ein lautes: „No, no, no“ Er kann es nicht glauben. Es ist aber so, anderthalb Stunden nach seiner 92 Kilometer Schätzung  haben wir Kilometer 91 erreicht

Wir sind jetzt 21 Stunden unterwegs und bewegen uns nun Richtung  Ziel. Die letzten Kilometer sind nicht mehr schwer und wir kommen nach 22 Stunden und 25 Minuten vor der Halle in Gigondas an.

 

Der Zieleinlauf ist absolut unspektakulär. Es sind nur eine Handvoll Läufer und eine weiter Handvoll Helfer vor Ort. Unserer Stimmung tut das aber keinen Abbruch. Wir bekommen ein Finishershirt eine Medaille und die Urkunde.

 

Fazit

Ein toller Trailrun der in Deutschland leider zu wenig bekannt ist. Die Organisation ist perfekt  und an Freundlichkeit kaum zu überbieten. Einzige Manko, es gibt an keiner Verpflegungsstelle etwas warmes zu Essen. Eine Nudelsuppe oder eine Brühe haben mir gefehlt.