Hetzjagd über den Scalettapass  

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Zum dritten mal bin ich nun nach Davos gereist um den Swiss Alpine K 78 zu laufen. In der Ausschreibung des Veranstalters findet sich die folgende Beschreibung für den Lauf:

78.5 km +/-2320 m
Der grösste Berg-Ultramarathon der Welt, die ultimative Herausforderung. 21 km durch hochalpines Gelände mit dem Panoramatrail als Schlüsselstelle auf 2600 m ü M (schmaler, teilweise exponierter Bergweg).

Nun ja, nachdem ich nun schon zweimal gefinisht habe bin ich auch dieses mal sehr otimistisch und habe nicht die geringsten Zweifel an dem positiven Ausgang dieses Wochenendes.

Erst kurz vor dem Lauf erfahre ich das dass Zeitlimit verschärft wurde. Die Gesamtzeit von 12 Stunden blieb zwar erhalten aber die Zwischenzeiten wurden um je 10 Minuten verkürzt.

Pünktlich um 8:00 Uhr morgens fällt der Startschluss. Ich laufe mit Kurt Süsser los. Wir reden viel und genießen die tolle Landschaft. Kurt ist heute zum ersten Mal hier und ganz begeistert von dem Ambiente. Wir laufen mit einem Tempo von 5:15 bis 5:30 durch Davos und dann auch aus Davos heraus. Die ersten drei Getränkestationen  lassen wir bewusst ausfallen. Dort herrscht immer ein großer Andrang und man verliert wichtige Sekunden die später fehlen. Wir haben Wasser dabei und stillen damit unseren Durst.

Dann geht es richtig los, raus aus Davos Richtung Filisur. Wir haben 3 Stunden und 40 Minuten für die ersten 31 km. Aus der Erfahrung der letzten beiden Teilnahmen weiß dass ich 20 Minuten herauslaufen muss um das Zeitlimit an der Keschhütte bei km 52,9 km zu schaffen. Dass bedeutet ich muss die 31 km bei Filisur nach 3 Stunden und 20 Minuten erreichen. Kurt ist völlig locker und vertraut blind auf meine Planung. Es gilt zügig zu laufen, keine Zeit liegen zu lassen und vor allem sich nicht schon am Anfang zu verausgaben. Dummerweise hatte der Veranstalter dieses Jahr zu dem K78 den C42 und noch den K 31 in Davos gestartet. Jetzt drängen noch mehr Läuferinnen und Läufer auf den ersten Wiesenpfad. Das bedeutet Stau! Insgesamt fünf Minuten Stau!

Jetzt fehlen uns nicht nur die 10 Minuten bis Filisur. Nein, die fünf Minuten Stau müssen wir auch noch herauslaufen. Keine schöne Sache! Kurz um, nach 25 km hat sich Kurt langsam von mir getrennt. Ich bin dann nach 3 Stunden und 18 Minuten durch das Zeitlimit in Filisur. Letztes Jahr wären das noch 32 Minuten Zeitvorteil gewesen. Dieses Jahr sind es nur 22 Minuten und das nächste Zeitlimit in Bergün ruft schon.

Eine Stunde und zehn Minuten für 7,3 Kilometer. Das hört sich eigentlich nicht schlecht an! Dieses Stück hat es aber in sich. Diese Strecke ist für mich mit der Schwerste Teil. Einen kleinen Pfad hoch und dann die Passstraße hinauf nach Bergün. An den Verpflegungsstellen nehme ich nur kurz Getränk auf und weiter geht es. Es ist ein einziges Gehetzte für mich. Es bleibt keine Zeit zum Fotografieren oder die Landschaft zu genießen. Ich habe nur noch das Zeitlimit im Kopf. Ich beobachte meine Mitläufer und stelle fest denen geht es genauso, die Uhr immer im Blick und das Damoklesschwert der Cut off Zeit über einem. In Bergün bin ich wie immer ziemlich fertig. Ich schaue auf die Uhr und sehe dass ich wichtige Minuten liegen gelassen habe. Jetzt sind es nur noch 18 Minuten bis zum Zeitlimit. Die ersten 40 km habe ich in 4.28 Stunden zurückgelegt. Sabine wartet hier und reicht mir Cola. Die habe ich dringend nötig. Ich trinke gierig in der Hoffnung mich für das nächste Stück nach Chants puschen zu können. Just in diesem Moment läuft Norman von hinten heran. Wir reden kurz und ich muss ihn ziehen lassen.

Es ist heiß geworden und der Weg nach Chants fordert mich weiter. Leider habe ich es nicht geschafft mein Zeitpolster zu retten. Obwohl ich mir noch keine einzige Pause seit dem Start in Davos gegönnt habe, ist mein Zeitpolster auf 15 Minuten geschmolzen. Jetzt wird es richtig eng. Bis zur Keschhütte habe ich 1 Stunde und 25 Minuten, plus die 15 Minuten die ich herausgelaufen habe.

Ich bin mit dem Puls am Anschlag, die Höhenluft und die Hitze machen es nicht leichter. Auf halber Höhe ist noch mal eine Verpflegungsstelle. Hier muss ich kurz anhalten und meinen Puls beruhigen lassen. Wir sind jetzt auf über 2000 Meter Höhe und die Läuferschlange quält sich langsam den Berg hoch. Alle paar Meter sitzt jemand der sich ausruhen muss. Ich stampfe weiter, endlich erkenne ich die Keschhütte. Von hier aus habe ich letztes Jahr noch über 30 Minuten gebraucht. Es ist jetzt 15:00 Uhr und um 15:30 Uhr ist der Cut off, ich schaue zurück und sehe eine lange Läuferschlange hinter mir.

Mit Pulsanschlag schiebe ich mich weiter Richtung Keschütte. Es sind noch etwa 100 Meter und ich kann nicht mehr. Ich muss anhalten und mich setzten. Mein Herz rast, mein Blick auf die Uhr verrät mir dass ich es dennoch rechzeitig bis hoch schaffe. Ich schaue zur Keschütte und erkenne Ralf  Kölsch 20 Meter davor. Es muss wohl eine Fatamorgana sein denn Sabine hat mir in Bergün verraten dass Ralf 30 Minuten vor mir ist.

Jetzt geht es die letzten 100 Meter hoch und die Keschhütte ist erreicht. Ich habe noch 9 Minuten gut, dass war verdammt knapp!!!!!!!!

Ich schaue zurück ob noch jemand bekanntes hinter mir ist. Ich sehe allerdings niemanden mehr den ich kenne.

An der Verpflegungsstelle hole ich mir Wasser und sehe an einem Tisch hinter der Hütte Olaf Schmalfuss mit seiner Frau und Ralf Kölsch.

Hier gibt es zum Glück einen Getränkeverkauf der mir für zwei Franken fünfzig eine Cola verkauft. Sonderpreis für Läufer! Gierig trinke ich die kalte Cola. Olaf  macht sich wieder auf den Weg. Ich versuche herauszufinden wo Ralf die halbe Stunde verloren hat. Irgendwie hatte er Probleme auf dem letzten Stück und er musste zwischendrin pausieren.  

Gespräch in 2700 Meter Höhe

Bernie: „Ich habe keine Lust mehr“

Ralf: „Ich auch nicht“

Bernie: „Am liebsten würde ich aufhören“

Ralf: „Ich auch“

Bernie: „Das Zeitlimit ist eine bodenlose Frechheit“

Ralf murmelt etwas Unverständliches.

Bernie: „Lass uns das T-Shirt und die Medaille abholen“

Dann will ich weiter und fordere Ralf auf mitzukommen. Das nächste Zeitlimit ist in Dürrboden um 17:50 Uhr.

Wir laufen auf den Panoramatrail und gleich am Anfang treffen wir auf Thomas Steinicke aus Berlin. Er ist mir wegen seiner kunstvollen Tätowierungen aufgefallen. Wir sind viele Kilometer zusammen den Berg herauf gelaufen ohne ein einziges Wort gewechselt zu haben. Er hat das Zeitlimit mit zwei Minuten Vorsprung geschafft. Ich bitte ihn, mir doch seine Tätos für ein Bild zu zeigen. Wahre Kunstwerke sind das! Er erzählt uns dass das alles Platten-Cover sind. Sehr beeindruckend!

Mir geht es jetzt super, wie schon bei den letzten beiden Läufen kann ich hier wieder zulegen. Ralf bittet mich vorzulaufen, er will mich beim Bergablaufen nach dem Scalettapass wieder einholen.

Gesagt getan, ich überhole noch einige Läufer, überquere den Scalettapass, verpflege mich kurz und beginne den Abstieg.

Nach einigen Minuten fällt mir Ralf wieder ein. Ich setzte mich auf einen großen Stein und warte auf ihn. Nach etwa einer Minute kommt er dann auch schon. Ich laufe jetzt hinter ihm her.

Die Strecke ist hier eine Geröllpiste und schwer zu laufen. Aber es geht bergab! Ein Läufer vor uns stützt. Wir helfen ihm auf und wenig weiter stürzt ein anderer Läufer. Auch ihm wird gleich von drei Läufern auf die Beine geholfen.

Dann passiert mir das Gleiche, ich stolperte über einen Stein und komme zu Fall. Ich kann mich ganz gut abfangen, bekomme aber einen schrecklichen Krampf in die linke Wade. Der Schmerz ist heftig. 

Ralf und drei weitere Läufer sind sofort zur Stelle, einer drückt mir den Krampf aus der Wade während die anderen mit aufhelfen.

Jetzt muss ich gehen bis der Schmerz wieder einigermaßen erträglich ist. Dann laufen wir wieder langsam los. Ralf bleibt immer an meiner Seite und kümmert sich rührend.

Dann als wir wieder tritt gefasst haben belieb ich erneut an einen Stein hängen und komme zu Fall. Diesmal habe ich in beiden Waden einen Krampf. Der Schmerz ist brutal. Jetzt ist es aus! Fertig!

Zwei Läufer und Ralf drücken mir Minutenlang die Krämpfe aus den Waden. Als ich wieder aufstehen kann sehe ich Dürrboden am Horizont.

Langsam bewegen wir uns nun dorthin. Jetzt bloß aufpassen und keinen weitern Fehler mehr machen. Leicht gesagt wenn man durch das Zeitlimit so gehetzt wurde. Vor Dürrboden stützte dann der nächste Läufer über einen Erdhügel. Zum Glück ging auch dieser Sturz glimpflich aus.

Wir erreichen Dürrboden und ich lasse mich massieren von zwei freundlichen Helferinnen.  Ich liege auf einer gepolsterten Liege und die Sonne scheint mir ins Gesicht. Das ist ein wunderbares Gefühl nach dieser Strapaze.

Nach fünf Minuten halte ich es nicht mehr aus und will weiter. Ich lasse mir aufhelfen und gehe mit Ralf an die Verpflegungsstelle wo es erneut kein Cola gibt. Wir kaufen uns am dem Kiosk gegenüber zwei Cola für zehn Franken. Kein Sonderpreis für Läufer!

Gierig trinken wir den ersten Schluck. Dann treffen wir auf Klaus Duwe von www.marathon4you.de. Er macht ein paar Bilder von Ralf, Olaf und mir. Wir verabschieden uns geschwind und laufen Richtung Davos. Es sind noch 13 km bis zum Sportzentrum und wir haben noch über zwei Stunden Zeit.

Auf diesem Stück verlieren wir wieder Plätze. Ich habe doch große Schmerzen und muss immer öfters kleinere Gehpausen einlegen.

Es ist uns egal, Hauptsache wir werden heute dreifache K78 Finisher. 

Wir laufen um den Golfplatz herum und hören den Sprecher und die Musik vom Sportzentrum.

Ich kann nicht mehr laufen. Wir gehen Richtung Stadion als uns Eberhard Ostertag entgegenkommt und Fotos von uns macht. Eberhard erzählt uns dass er und Angelika wegen zwei Minuten herausgenommen wurden. Ich spüre eine innere Wut. Dann fordert er uns auf wieder zu laufen. Ich sehe nun den Eingang des Stadions und wir laufen wieder.

Der Eingang ist erreicht und ich bekomme eine Gänsehaut. Das ist der Moment auf den ich über 11 Stunden hingearbeitet haben. Mich schauert es und meine Knie schlagern. Herrlich,  fantastisch, unfassbar und doch irgendwie brutal. Mein Körper schüttet Glückshormone in Massen aus.

Mit meinem Freund Ralf geht es nun auf die Ehrenrunde. Eberhard, Angelika und alle unsere Lauffreunde jubeln uns zu.

Dann erkenne ich Dani und meine Frau Sabine und Katrin Schnellmann die schon seit heute morgen auf mich wartet. Mit hochgerissenen Armen laufen wir über die Ziellinie.

Es ist vollbracht und wir umarmen uns. Nach 11 Stunden und 39 Minuten ist dieser Höllentrip beendet.

Fazit

Nun sind einige Tage ins Land gegangen und ich versuche mal einen Rückblick. Sicher ist mal, ich hätte besser vorbereitet sein können. Eine Woche zuvor habe ich einen 65 km Nachtlauf gemacht und drei Wochen vorher den Ironman. Das ist nicht optimal vor so einem Lauf.

Das ist aber das Einzige was ich mir vorzuwerfen habe.

Fakt ist, der Veranstalter hat ohne einen vernünftigen Grund das Zeitlimit geändert. Fakt ist auch, dass dieses erst kurz vor dem Lauf passiert ist.

Ich habe das nur durch Zufall erfahren. In keinem Newsletter stand etwas von dieser Änderung.

Es kann nicht sein das man sich zu einem Lauf anmeldet und über 90 Euro bezahlt und dann kurz vor knapp erfährt, das dass Zeitlimit zu dem man sich angemeldet hat, nichts mehr wert ist. Es macht vor allem keinen Sinn wenn man die Gesamtzeit beibehält.

Der Lauf ist schon ohne die Verschärfung schwer genug. Wenn man so etwas macht muss man in der Ausschreibung darauf hinweisen.

Die Zahlen der Ausgestiegenen und derer die aus dem Rennen genommen wurden sprechen eine deutliche Sprache. Es scheint fast so als wolle man nur noch eine kleine Elite.

Für mich hieß es bei diesem Lauf, Himmel oder Hölle, alles oder nichts. Entweder abgrundtief ins Leere fallen oder über den Wolken schweben. Ich habe es zwar geschafft, aber dennoch konnte ich mich über diesen Erfolg nicht richtig freuen. Es ist und bleibt eine Frechheit so mit uns umzugehen. Ich kann nur hoffen dass der Organisator aus diesem Desaster lernt ….wer will sich schon so einer Hetze aussetzen?

Bernie Conradt

beusa@web.de

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